“Giftiger Zirkel” – Mythos oder Wahrheit?
Bei Recherchen bin ich zufällig auf den Begriff „Giftiger Zirkel“ gestoßen und da ich noch nie zuvor davon gehört hatte, juckte es mir natürlich in den Fingern, mehr darüber zu erfahren. Was bei dieser Suche herauskam ist ziemlich erstaunlich und ich selbst frage mich, wieso ich nicht schon viel früher davon gehört hatte. Wenig verwunderlich aber, wenn man die Tatsache betrachtet, dass es sich bei diesem sogenannten „Giftigen Zirkel“ um eine Art Geheimbund handelt.
Aber alles von Anfang an.
Ich saß also an meinem Artikel über unaufgeklärte Todesfälle und blätterte dabei ein paar alte Ausgaben des Tagespropheten durch. Plötzlich stieß ich auf einen Bericht, demzufolge ein Mann in seinem Arbeitszimmer im Ministerium tot aufgefunden worden war. Er war nach Aussagen seiner Freunde und Kollegen vollkommen gesund gewesen und sie hätten auch nichts auffälliges an ihm feststellen können. Trotzdem war er am Ende des Tages tot. Lange Zeit standen die Sittenwächter vor einem Rätsel. Was war hier passiert? War es ein natürlicher Tod? Wenn ja, wieso war der Mann zuvor nicht krank gewesen? Das Problem war, dass man keinerlei Außeneinwirkungen feststellen konnte. Nichteinmal ein Härchen schien ihm gekrümmt zu sein – und doch lag er dort, tot auf seinem Schreibtisch. Wer hätte ihm etwas antun wollen? Natürlich fiel der Verdacht auf seine Frau – eine herrschaftliche, stolze Frau, die bekannt dafür war, ihren Kopf durchsetzen zu wollen und somit eigentlich nicht in das gängige Oberschichtsdamenschema passen wollte. Ihr konnte man nichts nachweisen, andere Verdächtige gab es nicht und so wurde der Fall schließlich ungelöst beiseite geschoben. Sollte sich einfach jemand anderes zu anderer Zeit damit befassen.
Und das sollte auch bald geschehen. Denn nachdem nicht allzu viel Zeit verstrichen war, passierte das selbe mit dem damaligen Außenminister Theodore Hayden. Bei ihm allerdings gelang es einer findigen Giftmischerin ein Gift zu isolieren, welches ihn vermutlich umgebracht haben sollte. Nach weiteren Nachforschungen stellte man fest, dass auch der auf ähnliche Weise umgekommene Petrus Caldon an ebenjenem Gift gestorben war. Das kuriose hierbei: dieses Gift war eine gänzlich unbekannte und überaus brillante Mischung, die so noch nie zuvor irgendwo gesichtet worden war. Ebenso mysteriös war, dass sich die Witwen Caldon und Hayden gut zu kennen schienen und nicht im mindesten traurig über den Verlust ihrer Ehemänner schienen. Ganz im Gegenteil: sie schienen geradezu zu neuem Leben zu erblühen. Zumindest findet man viele Berichte über Mrs. Caldons Galerie der Künste, die noch heute einen einzigartigen Ruf genießt, obwohl besagte Dame schon seit einiger Zeit in Merlins Schoße weilt, ebenso wie Mrs. Haydens Bekleidungsgeschäft für „elegante Damen“ [u]der[/u] Anlaufpunkt für genau diese Frauen war, bevor Madame Malkin es kaufte, um ihr eigenes Geschäft darin zu eröffnen.
Stöbert man weiter, findet man viele solcher Fälle und eines haben alles gemeinsam: gestorben sind ausnahmslos einflussreiche, wohlhabende Männer, deren Frauen mit der arrangierten Ehe unzufrieden gewesen waren und von deren Ehemännern entweder gemunkelt wurde, sie würden ihre Frauen betrügen oder bekannt war, dass sie sie sonstwie schlecht behandelt hatten. Außerdem schienen sich alle der Witwen auf irgendeine Weise gut zu kennen. Das Mordwerkzeug war in allen Fällen Gift. Bald schon wurde über die „Giftmischerinnen“ geredet, mit Faszination, Ehrfurcht und Bewunderung unter den Damen und mit Angst und Erschrecken unter den Herren. Sie waren in aller Munde und die wildesten Gerüchte kamen über sie in Umlauf. Es sollten Frauen sein, die Schülerinnen der Königstochter Medea, die dafür bekannt war, aus Eifersucht und Rache zu töten – am Liebsten mit Gift – und dies mit einem detaillierten Plan zu verschleiern versuchte. Andere wiederum hielten sie für die Göttinnen des Todes persönlich, die die Unwürdigen richteten, um die Welt von ihrem Übel zu befreien und wieder andere dachten an wilde Amazonen, die willkürlich töteten, um sich die freie Zeit zu vertreiben.
Doch bald schon legte sich die Aufregung wieder und keiner dachte mehr an die „Giftmischerinnen“. Nichts Ungewöhnliches war mehr geschehen und jeder hielten die alten Geschichten für reine Zufälle oder von sensationsgierigen Reportern ausgedachte Märchen. Hier und da gab es noch Gerüchte über Frauen einflussreicher Männer, die eine Art Geheimbund gegründet hatten, aber entweder dachten die meisten, dass es sich vermutlich lediglich um einen bedeutungslosen Bridgeclub gelangweilter Reinblüterinnen handelte, die über Kaffee und Kuchen die neuesten Klatsch und Tratschgeschichtchen austauschten, als dass jemand ernsthaft den Gedanken hegte, dass sich solch harmlose, oberflächliche Püppchen tatsächlich über etwas anderes als die neuesten Kleiderschnitte unterhalten konnten.
Das jedoch sollte sich bald ändern, als in einem verlassenen Haus ein altes Buch mit einer nicht zu entziffernden Geheimschrift gefunden wurde, in dem ebenso ein Foto zu finden war. Die Personen darauf waren sehr unscharf und der Qualm, der aus einem Reagenzglas aufzusteigen schien, tat sein übriges, die Damen darauf im Unkenntlichen zu lassen. Dass es sich allerdings um Damen handelte – teuer gekleidete noch dazu, das konnte man nicht leugnen. Die Gerüchte loderten erneut auf – endlich geschah wieder etwas „Spannendes“. Dieses Foto sollte jedoch der einzige und letzte „Beweis“ bleiben, dass es tatsächlich so etwas wie einen Hexenzirkel, der mit Gift herumexperimentierte und damit auch tatsächlich Menschen umbrachte, gab oder gegeben hatte. Über die Jahre wurde das Foto analysiert und man glaubte, Frauen der Zaubereroberschicht zu erkennen, die den ältesten und einflussreichsten Familien angehörten: Persephone Rosier, Asteria Malfoy, Melana Black, Perseis Yaxley, Atropaia Nott und noch einige mehr… Bewiesen werden konnte nichts und einmal mehr blieben Gerüchte Gerüchte. Da keiner mehr zu Tode kam, interessierte sich erneut niemand mehr dafür.
Bei meinen Nachforschungen nun bin ich jedoch auf aussagekräftigeres Material gestoßen, das aus dem gefundenen Buch entziffert werden konnte, auch wenn es sich dabei nur um Fragmente handelt. Meist handelt es sich um die Auflistung von Kräutern, oft auch mit dem Namen eines Giftes dahinter, welches man aus besagter Pflanze herstellen kann, doch nicht nur solche „Rezepte“ sind darin zu finden, sondern ebenfalls chronologisch aufgelistete Geschehnisse mit spitzzüngigen Kommentaren und Bewertungen dazu. Des Weiteren konnte ein Protokoll eines Treffens teilweise entschlüsselt werden. Namen enthält es keine, lediglich etwas, was sich liest wie Decknamen. Es finden sich „Roter Stachel“ ebenso wie „Schwarzer Donner“ und „Habichtschnabel“ sind darunter zu finden. Eine andere Auffälligkeit ist das immer wieder auftauchende Symbol der Rose, das vor allem von dem „Oberhaupt“ der Vereinigung als Unterschrift verwendet wird. Dies würde auch die Ableitung des Namens „Roter Stachle“ einigermaßen plausibel erklären, wenn man davon ausgeht, dass man damit den Stachel einer roten Rose meint oder Blut am Stachel einer Rose. Ansonsten wurden nur noch eher uninteressante Besprechungen über Politik, Kunst und Literatur zu finden, die ebenfalls keinen Rückschluss über die Identität geben können. Lediglich, dass es sich tatsächlich um Frauen handelt, konnte man so gut wie bestätigen.
Nun, und welche alte Familie fällt uns als erstes ein, wenn man „Rose“ hört? Welche Zaubererfamilie ist es, die in ihrem Wappen dieses rote Gewächs führt und ihre Initialen immer begleitet von dieser Pflanze? Fällt Ihnen da jemand bestimmtes ein? Tatsächlich? Genau das ist auch denjenigen aufgefallen, die die wenigen Schriftstücke entziffern konnten. Ob die sich Familie Rosier, beziehungsweise deren weibliche Mitglieder tatsächlich Mitglieder in einer geheimen Gesellschaft befinden, deren Oberhaupt sie sind, lässt sich nur spekulieren. Stichhaltige beweise gibt es nicht, denn, falls es tatsächlich etwas wie den „Giftigen Zirkel“ gibt, hat er es die letzten hundert Jahre sehr gut verstanden, sich im Hintergrund zu halten und von dort seine Strippen zu ziehen. Mythos oder Wahrheit? Ist nicht an jedem kleinen Gerücht etwas dran? Letztendlich bleibt es Ihnen, lieber Leser selbst überlassen, ob sie an diese geheime Vereinigung glauben oder nicht. Hüten Sie sich jedoch, werte Herren, vielleicht sind Sie der Nächste, der den Giftmischerinnen zum Opfer fällt?
Ein Kommentar von Rathena Barnes, Resort Gerüchte, in ihrem wöchentlichen Kommentar über Kuriositäten der Zaubererwelt
Die Kolumne zum Thema Nr. 1
The URI to TrackBack this entry is: http://nevermoredaily.wordpress.com/1957/10/23/die-kolumne-zum-thema-nr-1/trackback/


